Sigrid Nikutta: Was passiert, wenn Talent unter Druck gerät?

von Robert Langenbacher | 16. Okt. 2025

Eine Reflexion über den Fall der DB Cargo-Chefin und die wahre Natur von „High-Potential“

Ich kenne dieses Gefühl. Wahrscheinlich kennt es jeder von uns. Der Moment in einem wichtigen Meeting, vielleicht bei einer Präsentation oder früher im Sport, wenn plötzlich alle Augen auf einen gerichtet sind. Aber der Blick ist nicht warm und anerkennend. Er ist kühl, prüfend, fordernd. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass man nicht mehr liefert, sondern sich verteidigen muss.

Genau dieses Gefühl beschreibt das Wort, das mir heute Morgen in einem Artikel über Sigrid Nikutta entgegengesprungen ist: „Die Angezählte“.

Es ist ein hartes Wort aus dem Boxen. Es impliziert, der Ringrichter hat die Zählung bereits begonnen. Nikutta, einst als exzellente Führungskraft bei der BVG gefeiert und sogar als mögliche zukünftige Bahn-Chefin gehandelt, steht als Chefin der Güterverkehrssparte (DB Cargo) massiv unter Druck.

Vom „High-Potential“ zur „Angezählten“

Die im Artikel genannten Fakten zeichnen ein düsteres Bild: Der Marktanteil der DB Cargo ist dramatisch eingebrochen, von fast 20 Prozent im Jahr 2020 auf geschätzte 11 Prozent in diesem Jahr. Die Verluste sind enorm, allein 2023 sollen es rund 500 Millionen Euro gewesen sein. Die Gewerkschaft EVG wirft ihr vor, keine „zukunftsfähige Strategie“ zu haben.

Mir fällt auf, wie brutal schnell solche Narrative kippen können. Gestern noch das gefeierte Talent, die „angriffslustige und erfahrene Führungskraft“. Heute die „Angezählte“.

Ich finde diesen Wandel faszinierend, weil er so viel über unsere Definition von „Talent“ und „Talentförderung“ aussagt. Wir lieben Erfolgsgeschichten. Wir lieben die Aufsteiger. Aber Talentförderung, so sehe ich es, zeigt ihr wahres Gesicht doch erst im tiefsten Tal, nicht auf dem Gipfel. Es ist einfach, jemanden zu fördern, dessen Zahlen stimmen und der Applaus erntet. Aber was passiert, wenn der Wind sich dreht? Wenn das Talent nicht mehr glänzt, sondern kämpft?

Die Rüstung: „Attacken statt Zurückhaltung“

Der Artikel beschreibt Nikuttas Reaktion auf die Krise mit der Überschrift „Attacken statt Zurückhaltung“. Sie sei keine „Influencerin in eigener Sache“, heißt es. Es wird kritisiert, dass sie nicht in Demut versinke, sondern kontere.

Mich provoziert diese Beschreibung ein wenig. Ist „Zurückhaltung“ wirklich das, was ein Talent in einer solchen Schieflage auszeichnen sollte?

Es wird eine Anekdote erwähnt, die ich als zutiefst sexistisch empfinde: Jemand habe ihr vorgeworfen, sie sei „mehr mit Schminkköfferchen als Fachthemen“ befasst. Ihre Replik – „Wie so ein Köfferchen aussieht, weiß ich gar nicht“ – wird ihr im Text zwar als „clever“ ausgelegt, aber gleichzeitig als Beleg für ihre auf Angriff gebürstete Art.

Ich frage mich: Ist dieser „Angriffsmodus“ eine bewusste Strategie der Persönlichkeits-Entwicklung? Oder ist es schlicht die notwendige Rüstung, die ein Mensch – ein Talent – anlegt, wenn er merkt, dass die alten Werkzeuge der persönlichen Produktivität nicht mehr greifen? Wenn es nicht mehr ums Gestalten, sondern nur noch ums Verteidigen geht?

Der wahre Test für Talent

Wir alle wollen Talente in unseren Teams. Wir wollen sie fördern. Wir wollen selbst als Talent wahrgenommen werden. Aber der Fall Nikutta (unabhängig davon, wie man ihre operative Leistung bewertet) wirft für mich eine entscheidende Frage an die Talentförderung auf: Fördern wir Performance oder fördern wir Resilienz?

Die Zahlen sind desaströs. Der Marktanteil schmilzt. Die Kritik von Politik und Gewerkschaften ist laut.

Was macht das mit einem Menschen? Was macht es mit mir, wenn mein Projekt, mein Ruf, meine Abteilung so auf dem Spiel steht? Greife ich dann auch zur „Attacke“? Oder finde ich die ruhige Zuversicht, die nötig ist, um einen solchen Tanker zu drehen? Ich glaube, der wahre Test für Talent ist nicht der Erfolg bei der BVG. Der wahre Test ist der Umgang mit dem drohenden Scheitern bei der DB Cargo.

Für mich bleibt am Ende diese Beobachtung: Wenn wir das nächste Mal ein „High-Potential“ identifizieren, sollten wir vielleicht weniger auf den Glanz des Erfolgs schauen. Wir sollten darauf achten, wie dieser Mensch mit Gegenwind umgeht. Denn es ist nicht der smarte Konter oder das „Schminkköfferchen“, das zählt. Es ist die Fähigkeit, in der Krise nicht nur zu reagieren, sondern zu gestalten.

Die Frage, die der Artikel offenlässt, ist nur: Wie lange kann man gestalten, wenn der Ringrichter bereits zählt?

Was machen wir jetzt damit? Gern komme ich zu diesem oder den anderen Blog-Artikeln mit meinen Lesern ins Gespräch. Am liebsten per Telefon, bei einem geplanten Online-Meeting oder wir starten miteinander zu texten. Bin sehr gespannt auf den Austausch von Gedanken, Meinungen und Beobachtungen, die uns bestimmt gemeinsam weiterbringen werden.

Robert Langenbacher
Gründer der talentschmie.de
Talentförderung & Persönliches KI-Training
0151-67 442 450
robert.langenbacher@gmail.com

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