Was wir von Longboardern im Weinberg über Talentförderung und das Aushalten von Reibung lernen können

Am Fuße des Kaiserstuhls können wir schon bald diesen einen Moment beobachte, in dem die Physik kurz den Atem anhält. In Wasenweiler, wo die Reben normalerweise in stiller Geduld wachsen, schneidet dann ein junger Mann oder eine junge Frau in Lederkombi die Kurve so eng, dass die Handschuhe - bestückt mit dicken Kunststoff-Pucks - über den Asphalt kratzen. Ich kenne dieses Geräusch. Es ist ein trockener, rhythmischer Klang. der Skater bremst nicht, indem er den Fuß absetzt. Er stellt sein Board quer. „Sliden“ nennen sie das hier. In diesem kontrollierten Ausbrechen liegt eine Eleganz, die mich sofort an etwas ganz anderes erinnert: an die Art und Weise, wie wir in unseren Berufen mit Widerständen umgehen.
Kein gemütliches Longboard
Das Event im nächsten Monat trägt den bezeichnenden Namen „Rasen in Wasen“. Rund 100 Athletinnen und Athleten werden im April erwartet, um eine schmale, asphaltierte Weinbergstraße hinunterzurasen. Samuel Schirra, der Kopf hinter dem Freiburger Longboardverein, erklärt in einem Artikel der Badischen Zeitung mit einer ruhigen Bestimmtheit, dass es beim Downhill-Skateboarding nicht um tollkühnes Draufgängertum geht. Mir fällt auf, wie oft wir das Longboard als die „gemütliche, stabilere“ Variante des Skateboards missverstehen. Ja, es ist länger und laufruhiger. Aber genau diese vermeintliche Stabilität ist die Voraussetzung dafür, Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde überhaupt erst beherrschbar zu machen. In Wasenweiler sind es zwar „nur“ 50 bis 60 km/h, aber auf einer engen Straße zwischen Rebstöcken fühlt sich das an wie der Flug in einem Cockpit ohne Wände.

Oft erliegen wir dem Mythos, dass Talent etwas ist, das man einfach „hat“. Doch wenn ich lese, was Samuel Schirra hier beschreibt, wie er von der informellen Nachwuchsarbeit seit 2022 spricht, sehe ich ein anderes Bild. Er hat die „Freiburg Freeride Crew“ übernommen, nachdem sich alte Strukturen auflösten. Hier wird Talent nicht im sterilen Labor gefördert, sondern auf dem Asphalt. Es ist die schiere Wiederholung des Widerstands. Um ein Board bei 60 km/h querzustellen, braucht es kein „Gottgegebenes Gleichgewicht“. Es braucht:
- Technische Präzision: Das Wissen um den richtigen Druckpunkt.
- Gutes Umfeld: Eine Strecke, die technisch anspruchsvoll und abwechslungsreich ist - so wie die Weinberge.
- Reibungsbereitschaft: Wer Angst vor dem Gleiten hat, wird nie die Kurve kriegen.
Reibung eliminieren?
In der Talentförderung machen wir oft den Fehler, Reibung eliminieren zu wollen. Wir wollen glatte Wege. Doch die Profis in Wasenweiler zeigen uns: Nur durch die gezielte Reibung - den Slide - behalten wir in der Beschleunigung die Kontrolle.

Vielleicht ist unsere Fixierung auf „effiziente“ und „reibungslose“ Prozesse in der persönlichen Entwicklung genau das, was uns aus der Kurve wirft. Wir versuchen, starr auf Kurs zu bleiben, wenn das Tempo des Lebens (oder der Digitalisierung) anzieht. Was, wenn wir stattdessen lernen würden, zu sliden? Die Philosophie hinter dem Sport in Wasenweiler ist subversiv: Wer langsamer werden will, muss sich trauen, die Haftung kurzzeitig aufzugeben. Es ist die Kunst des Loslassens, um die Spur zu halten. Samuel Schirra und seine Crew beweisen, dass Freiburg hier ein besonderes Pflaster ist - gerade für Frauen, die in diesem Sport immer stärker vertreten sind und sich nun sogar für die World Skate Games in Paraguay qualifizieren könnten.
Talent ist kein Zustand, sondern ein Prozess
Wenn die Rollen über den Asphalt von Wasenweiler singen, höre ich darin eine Einladung. Talent ist kein Zustand, sondern ein Prozess des kontrollierten Ausbrechens. Es geht nicht darum, niemals ins Rutschen zu kommen. Es geht darum, zu wissen, wie man den Slide nutzt, um die nächste Gerade mit neuer Energie zu nehmen.

Vielleicht sollten wir aufhören, nach dem perfekt glatten Weg zu suchen, und stattdessen anfangen, unsere "Pucks" auf den Boden zu drücken. Die Kurve kommt sowieso.
Was machen wir jetzt damit? Gern komme ich zu diesem oder den anderen Blog-Artikeln mit meinen Lesern ins Gespräch. Am liebsten per Telefon, bei einem geplanten Online-Meeting oder wir starten miteinander zu texten. Bin sehr gespannt auf den Austausch von Gedanken, Meinungen und Beobachtungen, die uns bestimmt gemeinsam weiterbringen werden.
Robert Langenbacher
Gründer der talentschmie.de
Talentförderung & Persönliches KI-Training
0151-67 442 450
robert.langenbacher@gmail.com
Du musst nicht alles selbst herausfinden.
Du darfst dir den Weg zeigen lassen.
Und genau dafür bin ich da.









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