Was bleibt von uns, wenn die Welt unsere Talente nicht mehr braucht?

Ich stoße auf ein Foto in der Zeitung. Ein Mann, Dirk Kögler, 56 Jahre alt, steht in einem alten Berliner Hausflur. In seinen Händen trägt er zwei schwere Kohlebriketts-Pakete. Sein Blick ist direkt, fast stoisch. Die Überschrift lautet: „Ich bleibe bis zum Schluss“.
Dieser Satz trifft mich. Ich lese weiter und ein anderes Zitat von ihm bleibt hängen: „Mein Opa hat schon immer gesagt: Mit der Kohle ist es bald vorbei. Das war in den Siebzigerjahren. Jetzt ist 2025 und ich und mein Onkel sind immer noch da!“.
Mir fällt auf, dass wir in einer Welt leben, die besessen ist vom „Neuanfang“, vom „Pivot“, vom agilen Wechsel. Wir feiern die Fähigkeit, uns ständig neu zu erfinden. Aber was ist mit der Fähigkeit, etwas einfach zu Ende zu bringen?

Der Wert der schweren Arbeit
Dirk Kögler ist ein Anachronismus in einer digitalisierten, dekarbonisierten Metropole. Er ist seit 1989 im Geschäft. Was er tut, ist kein „New Work“. Es ist ein Knochenjob.
Früher, so erzählt er, hat er mit seinem Vetter 15 bis 20 Tonnen Kohle am Tag ausgeliefert. Heute sind es vielleicht noch fünf Tonnen. Er beliefert Künstler, Musiker, aber auch alte Leute in den Altbauten, oft ohne Aufzug. Ich stelle mir das vor. Das Gewicht, den Staub, die Treppen. Jeden Tag.
Kögler spürt den „politischen Wandel“. Er weiß, dass seine Arbeit nicht mehr lange gefragt sein wird. Er ist, wie er selbst sagt, ein „Exot“.
Wenn das Talent zur Nische wird
Hier berührt mich seine Geschichte auf einer tieferen Ebene der Persönlichkeitsentwicklung. Was passiert, wenn das, was wir unser ganzes Leben lang getan haben – unser Handwerk, unser Talent, unsere Identität – von der Welt nicht mehr als wertvoll erachtet wird?

Wir alle investieren Jahre in Fähigkeiten. Wir werden Experten. Wir definieren uns über das, was wir können. Und dann ändert sich die Technologie, die Gesellschaft, das Klima. Plötzlich ist das, was uns ausgemacht hat, nur noch eine Nische. Oder schlimmer: ein Problem.
Ich sehe in Kögler nicht nur den Kohlenhändler. Ich sehe einen Menschen, der sich dem Wandel nicht verweigert – er sieht ihn klar –, aber er verleugnet auch nicht seine eigene Geschichte. Er erfindet sich nicht neu als „Aktivkohle-Wellnessberater“, obwohl er darauf angesprochen wird. Er bleibt Kohlenhändler.
Die Würde des Abschlusses
Das ist der Impuls, den ich aus diesem Artikel mitnehme: Es liegt eine immense Kraft und Würde darin, einen Weg konsequent zu Ende zu gehen. Kögler plant, mit 60 aufzuhören. Er sagt: „Dann ist Sense. Und so lebe ich bis heute.“.
Er jammert nicht über den Wandel, er benennt ihn. Aber er rennt auch nicht jedem neuen Trend hinterher, um relevant zu bleiben. Er macht seine Arbeit. Bis zum Schluss.
Sein letzter Satz im Interview fasst die ganze Tragik und die ganze Größe dieses Entschlusses zusammen. Auf die Frage, wie das Ende des Kohlegeschäfts aussehen wird, antwortet er: „Das ganze Ende heißt, ich schließe die Tür ab und es ist vorbei. Das ist doch Mist.“.

Mich beeindruckt diese ungeschönte Ehrlichkeit. Es ist eben nicht immer alles ein „spannendes neues Kapitel“. Manchmal ist ein Ende einfach nur „Mist“, und es trotzdem mit Anstand durchzuziehen, ist vielleicht die größte Form der persönlichen Stärke.
Es lässt mich mit einer leisen, nachhallenden Frage zurück: Welchen Teil unserer eigenen Identität, unseres eigenen Handwerks, sind wir bereit, bis zur letzten Tonne zu tragen – selbst wenn die Welt schon weitergezogen ist?
Was machen wir jetzt damit? Gern komme ich zu diesem oder den anderen Blog-Artikeln mit meinen Lesern ins Gespräch. Am liebsten per Telefon, bei einem geplanten Online-Meeting oder wir starten miteinander zu texten. Bin sehr gespannt auf den Austausch von Gedanken, Meinungen und Beobachtungen, die uns bestimmt gemeinsam weiterbringen werden.
Robert Langenbacher
Gründer der talentschmie.de
Talentförderung & Persönliches KI-Training
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robert.langenbacher@gmail.com







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