Bari Weiss: Die Architektin ihres eigenen Raumes

von Robert Langenbacher | 30. Sep. 2025

Was wir von der umstrittenen Journalistin über den Mut lernen können, den eigenen Weg zu gehen – auch wenn er uns alles kostet.

Bari Weiss

Ich erinnere mich an eine Strategiesitzung vor einigen Jahren. Ein großer Raum, gefüllt mit klugen Köpfen, alle nickten zu den Thesen, die an die Wand projiziert wurden. Ein Konsens, so schien es, perfekt und ungebrochen. Doch dann meldete sich eine junge Kollegin. Zögerlich, aber mit fester Stimme, stellte sie eine Frage, die das gesamte Fundament der Präsentation infrage stellte. Es war keine provokante Frage, sondern eine zutiefst ehrliche. Der Raum wurde still. Niemand griff ihren Punkt auf. Stattdessen spürte ich, wie sich eine unsichtbare Wand um sie herum aufbaute. Sie war nicht mehr Teil des warmen Konsenses. Sie war draußen.

Dieses Bild kam mir sofort in den Sinn, als ich mich wieder mit der Geschichte der Journalistin Bari Weiss beschäftigte. Eine Geschichte, die für mich weit über den amerikanischen Kulturkampf hinausweist und eine zentrale Frage unserer Zeit berührt: Was passiert, wenn unser Talent und unsere Überzeugungen in den Räumen, in denen wir uns bewegen, keinen Platz mehr finden?

Wenn der Preis der Zugehörigkeit die eigene Stimme ist

Bari Weiss war eine gefeierte Redakteurin bei der New York Times, dem vielleicht renommiertesten journalistischen Haus der Welt. Ein sicherer Hafen, ein Gipfel für jeden, der schreibt. Doch von innen fühlte es sich für sie offenbar anders an. Sie beschrieb es als einen Ort, an dem die intellektuelle Neugier einer starren Ideologie gewichen war, einem Ort, an dem sie sich selbst als „Ketzerin“ empfand, weil sie Fragen stellte, die nicht mehr zum guten Ton gehörten.

Mir fällt auf, wie oft wir solche Dynamiken im Kleinen erleben. In Teams, in Unternehmen, manchmal sogar im Freundeskreis. Es gibt einen unausgesprochenen Verhaltenskodex, eine Reihe von Meinungen, die als akzeptabel gelten. Wer davon abweicht, riskiert nicht unbedingt seinen Job, aber etwas vielleicht ebenso Wichtiges: die Zugehörigkeit. Weiss hat diesen Preis irgendwann nicht mehr gezahlt. Sie ging. Ein Schritt, der von außen wie ein Scheitern oder eine Kapitulation aussehen mag, der aber in Wahrheit der erste architektonische Entwurf für etwas völlig Neues war.

Vom Ausbruch zur Gründung: Ein neues Spielfeld entsteht

Was macht ein Talent, das im etablierten System erstickt? Es schafft sich sein eigenes. Bari Weiss hat nicht einfach nur gekündigt. Sie gründete The Free Press, ein eigenes Medienportal. Und das mit einer Wucht, die zeigt, dass ihre Diagnose eines Vakuums nicht nur ein persönliches Gefühl war. Investoren wie der Oracle-Gründer Larry Ellison gaben Millionen. Es war, als hätte jemand ein Fenster in einem stickigen Raum aufgerissen.

The Free Press wurde schnell zu einer Anlaufstelle für Stimmen, die im Mainstream als schwierig, unbequem oder schlichtweg „falsch“ galten. Weiss selbst sagt, sie wolle auch einer „hundertprozentige Trump-Ideologin“ oder einem „Tucker Carlson“ eine Plattform bieten – aber eben nicht nur. Ihr Ziel, so scheint es mir, ist nicht die Etablierung einer neuen, rechten Orthodoxie, sondern die Wiederbelebung eines echten Marktplatzes der Ideen. Ein Ort, an dem die Reibung von unterschiedlichen Meinungen wieder als produktiv und nicht als bedrohlich empfunden wird. Sie fördert damit nicht nur ihr eigenes Talent, sondern schafft ein Ökosystem für andere, die ähnlich empfinden.

Die unvermeidliche Kontroverse: Wer den Rahmen sprengt, muss mit den Scherben leben

Natürlich bleibt das nicht ohne Widerspruch. Kritiker, wie der Journalist Patrick Be-Ford, werfen ihr vor, nur eine „vulgäre MAGA-Schleuder im Schafspelz“ zu sein. Sie sei Teil einer neuen Rechten, die gezielt die Grenzen des Sagbaren verschiebt. Ich glaube, diese Kritik ist ein fast schon naturgesetzlicher Teil ihres Weges. Wer einen bestehenden Rahmen so radikal verlässt, muss damit rechnen, dass diejenigen, die sich innerhalb dieses Rahmens wohlfühlen, ihn mit allem verteidigen, was sie haben.

Doch die eigentliche Frage, die ihr Projekt für mich aufwirft, ist nicht, ob Bari Weiss „rechts“ oder „links“ ist. Die viel spannendere Frage ist, ob unsere Gesellschaft, ob wir als Individuen, die Fähigkeit verlieren, mit Ambiguität und echter Meinungsvielfalt umzugehen. Bauen wir lieber Echokammern, in denen unsere Überzeugungen sicher sind, oder sind wir bereit, uns der intellektuellen Unordnung auszusetzen, die entsteht, wenn wirklich alle sprechen dürfen?

Bari Weiss hat für sich eine Entscheidung getroffen. Sie hat aufgehört, an Türen zu klopfen, die für sie verschlossen waren, und stattdessen ihre eigene gebaut. Es ist ein Akt der Selbstermächtigung, der mich nachdenklich macht. Es ist der letzte, konsequente Schritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung: nicht nur zu wissen, wer man ist, sondern auch den Raum zu schaffen, in dem man genau das sein kann. Das ist ein Impuls, der weit über den Journalismus hinausreicht und uns alle etwas angeht.

Was machen wir jetzt damit? Gern komme ich zu diesem oder den anderen Blog-Artikeln mit meinen Lesern ins Gespräch. Am liebsten per Telefon, bei einem geplanten Online-Meeting oder wir starten miteinander zu texten. Bin sehr gespannt auf den Austausch von Gedanken, Meinungen und Beobachtungen, die uns bestimmt gemeinsam weiterbringen werden.

Robert Langenbacher 
Gründer der talentschmie.de 
Talentförderung & Persönliches KI-Training 
0151-67 442 450
robert.langenbacher@gmail.com

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